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«Die Lernenden müssen den Sinn hinter ihrem Lernen erkennen»

Manfred Pfiffner widmet sich als Professor für Berufspädagogik zukünftigen didaktischen Lehr- und Lernsettings. Die Handlungskompetenzorientierung führt zu einer höheren Komplexität im Unterricht. Gleichzeitig bringt sie den Lernenden mehr Freiheiten in der Gestaltung ihres Lernens. Pfiffners langjährige Erkenntnisse in schulischen Umsetzungsprozessen zeigen: Eine Umstellung von Lehr- und Lernsettings vom einen Tag auf den nächsten ist nicht möglich. Die Einführung erfordert viel Geduld, aber auch Mut.

Herr Pfiffner, wie Sie in Ihrem Referat aufgezeigt haben, überlagern sich derzeit mehrere didaktische Strömungen bezüglich ihrer Lehr- und Lernformen. Ausserdem entwickelt sich das Lernen in verschiedenen Ländern unterschiedlich. Driftet die Welt des Lernens auseinander?

In der Tendenz ja. Wir sehen tatsächlich sehr unterschiedliche Herangehensweisen beim Lehren und Lernen. Asiatische Länder fordern zum Beispiel häufig mehr von Lernenden, legen dabei aber oft weniger Wert auf kritisches, reflektiertes Denken. Für Innovationen ist dies wohl kaum förderlich. In der Schweiz rücken Zukunftskompetenzen wie kritisches Denken und Problemlösen, Kooperation, Kommunikation und Kreativität langsam mehr ins Zentrum. Man darf allerdings nicht ausser Acht lassen, dass einige herkömmliche Lehr- und Lernformen wie beispielsweise die klassische Vermittlung von Fachkompetenz nach wie vor ihre Berechtigung haben. Wir sehen also nicht unbedingt eine einseitige Umstellung, sondern eine Zunahme der Komplexität.

Viele Industrieunternehmen haben Mitarbeitende in unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen. Was bedeutet diese Entwicklung für die Unternehmen?

Ein erster Schritt ist, sich der unterschiedlichen Lehr- und Lernkulturen überhaupt erstmal bewusst zu werden. Wie sind die Unternehmen strukturiert? Sind sie eher auf Ordnung, Regeln und präzise Prozesse ausgelegt oder stehen Innovationen und das rasche Umsetzen von Zukunftsvisionen im Vordergrund? Dies sind einige Fragen, die es zu klären gilt. In einem nächsten Schritt kann man sich darauf einigen, wo man sich annähern will und wo man jedem Bereich seine Eigenheiten lässt. Der Annäherungsprozess erinnert an eine Partnerschaft. Da ist es auch hilfreich, wenn man grundlegende Sichtweisen teilt und sich gleichzeitig gewisse Freiheiten lässt.

Innovationen entstehen in einem Unternehmen auf allen Ebenen, von der Berufsbildung bis zur Grundlagenforschung. Personen mit unterschiedlichen Bildungswegen weisen oft einen unterschiedlichen Umgang mit Wissen auf und sind sich unterschiedliche Lernformen gewohnt. Was bedeutet dies für die Zusammenarbeit?

Es braucht Flexibilität von allen Seiten. Mein Eindruck ist, dass sich im Moment vieles bewegt. Ich begleite derzeit zum Beispiel eine österreichische Universität, welche in verschiedenen Masterstudiengängen ihre Lehr- und Lernsettings in Richtung Handlungskompetenzorientierung ausrichten will. Aber auch in den Unternehmen ist so einiges im Gang. Viele Berufsbildnerinnen und Berufsbildner sowie Berufsfachschullehrpersonen sind mit einer anderen Lehr- und Lernkultur ins Berufsleben eingestiegen als heute gefragt ist. Sie müssen sich also weiter entwickeln und auf neue Formen umstellen. Auch wenn viel Flexibilität gefragt ist, so muss man sich doch auch bewusst sein, dass diese Veränderungen viel Zeit in Anspruch nehmen. Gemäss meiner Erfahrung in grossen Reformprojekten in der Berufsbildung dauert es häufig zehn Jahre und mehr, bis sich neue Lehr- und Lernsettings auf den verschiedenen Ebenen eingespielt haben. Es braucht also beides, Geduld und Beharrlichkeit auf der einen Seite, aber auch Mut zur Veränderung.

Jugendliche müssen künftig für ihren Lernerfolg mehr Verantwortung übernehmen. Können Lernende von den neuen Freiheiten nicht überfordert werden?

Das technologische Umfeld ändert sich rasant. Auch die Formen und Hilfsmittel fürs Lernen werden vielfältiger. Wichtig ist, dass man das Lernen nicht nur auf der Oberflächenstruktur betrachtet. Die Lernenden müssen den Sinn hinter ihrem Lernen erkennen können. So bleiben sie motiviert und können auch mit der Komplexität besser umgehen. Die Lernenden müssen ihre Ziele und Fortschritte realistisch planen können. Da ist die Begleitung durch die Ausbildnerinnen und Ausbildner gefragt, damit es nicht zur Überforderung kommt.

Es ist also vermehrt die Rolle eines Coaches gefragt, der auf die unterschiedlichen Persönlichkeiten eingeht?

Grundsätzlich ja. Den Ausdruck Coach mag ich in diesem Zusammenhang allerdings nicht sehr. Er vermittelt den Eindruck, dass es primär um eine psychologische Begleitung geht. Ich sehe die Berufsbildnerinnen und Berufsbildner mehr in der Rolle von Lernbegleitern, die Lernende fördern, aber auch fordern. Auf der fachlichen Ebene geht es durchaus auch um das Instruieren und die Überprüfung von Qualität. Darüber hinaus gilt es zu beobachten, wie Lernende an reale Herausforderungen herangehen und sich selbst organisieren. Die Berufsbildnerinnen und Berufsbildner müssen den Lernenden also gewisse Freiheiten geben, sie aber auch auf ihren Lernwegen – je nach Situation – aktiv begleiten.

Zur Person

Prof. Dr. phil. habil. Manfred Pfiffner hält eine Professur für Berufspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Zürich und verfügt über langjährige Unterrichts- und Praxisberatungstätigkeit an Berufsfachschulen. Gemeinsam mit Dr. phil. Saskia Sterel hat er das 4K-Modell entwickelt: ein Studiengang, in dem angehende Lehrpersonen für «Berufskundlichen Unterricht» sowie «Allgemeinbildenden Unterricht» gemeinsam ausgebildet werden. Aktuelle Forschungs- und Entwicklungsthemen sind beispielsweise «Unternehmerisches Denken und Handeln» an Berufsfachschulen sowie die Teilrevision des Rahmenlehrplans Allgemeinbildender Unterricht.

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