Erich Sannemann, Technologien verändern sich laufend schneller, kann die Berufsbildung da überhaupt noch Schritt halten?
Die Anpassungsfähigkeit an neue Technologien ist gerade eine Stärke der Berufsbildung. Die Ausbildungsunternehmen bewegen sich tagtäglich auf auf sich schnell wandelnden Märkten. Dies überträgt sich auch auf die berufliche Grundbildung. Mit der Berufsrevision haben wir neue Möglichkeiten geschaffen – wie zum Beispiel die Wahlpflichthandlungskompetenzen. Sie gehen sehr flexibel auf die Ausbildungsbedürfnisse eines Unternehmens ein. Wir können technologische Entwicklungen so künftig rascher in die Ausbildung aufnehmen, ohne gleich die ganzen Bildungspläne anpassen zu müssen. Futuremem ist eine Revision, in welche der Wandel eingeschrieben ist.
Stefan Brupbacher, die Unternehmenswelt wird immer vernetzter, gleichzeitig hat die Planbarkeit abgenommen. Was heisst dies fĂĽr die Berufsbildung?
Um auf den internationalen Märkten auch in Zukunft unverzichtbar zu bleiben, müssen Unternehmen neue Lösungen agiler und schneller realisieren können und dabei oft über die Abteilungsgrenzen in den Firmen hinausdenken. Dies sind Entwicklungen, die auch in der Berufsrevision aufgegriffen worden sind. Der Fokus auf die praktische Umsetzung – also die Handlungskompetenzorientierung – steht neu an allen Lernorten im Zentrum. Durch die Strukturierung entlang von neuen Lernfeldern erhöht sich die Flexibilität in der Ausbildung. Zudem wurden neue Tools geschaffen – ich denke dabei an die Lernumgebung techLEARN, aber auch an die neuen Bildungsmedien von nextecmedia – welche die Lernortkooperation entscheidend erleichtern.
«Die Revision will Freiräume schaffen, die eine zukunftsorientierte Ausbildung ermöglichen.»
Herr Sannemann, wird mit der Berufsrevision alles leichter? Oder erhöht sich gerade für KMU nicht die Komplexität in der beruflichen Ausbildung?
Die Berufsrevision erfordert eine Veränderung. Und sie ist damit verständlicherweise auch mit Unsicherheiten verbunden. Das kann dazu verleiten, an Bestehendem festzuhalten. Schaut man auf die Grundpfeiler von Futuremem, so wird aber klar: die Revision will Dinge vereinfachen, zusammenführen und für die Unternehmen Freiräume schaffen, die eine zukunftsorientierte Ausbildung ermöglichen.
Es ist uns bewusst, dass am Anfang vieles noch nicht optimal funktionieren kann und sich noch einspielen muss. Ich bin aber überzeugt, dass nach einer Einführungsphase alle Unternehmen – gerade auch KMU – von den Grundlagenarbeiten profitieren werden. Klar strukturierte Bildungspläne und besser abgestimmte Lernorte erhöhen die Effizienz und Planbarkeit in der Ausbildung. Dies entlastet die Betriebe.
Die Anpassung an neue Tools und neue Lernformen verlangt im Moment zwar einen Zusatzeffort. In einer nächsten Phase profitieren die Unternehmen aber davon. Unsere Branche ist sehr vielfältig – und dies stellt auch eine Stärke der Tech-Industrie dar. Das grundsätzliche Ziel in der Berufsbildung bleibt jedoch unverändert – junge Menschen zu selbständigen, kompetenten Mitarbeitenden auszubilden. Mit den Tools der Berufsrevision können wir dies einfacher und bedarfsgerechter erreichen.
«Wir haben eine Grundlage erschaffen, die es uns erlaubt, viel flexibler auf Veränderungen zu reagieren.»
Herr Brupbacher, die Auslieferung einiger Umsetzungselemente ist nicht zeitgerecht erfolgt. Welche Learnings ziehen Sie?
Wir sind mit einigen Produkten tatsächlich zu spät dran. Dafür möchten wir uns in aller Form entschuldigen. Bei der Reform hatten wir einen sehr integrierten Ansatz gewählt. Die acht technischen Berufe wurden gemeinsam überarbeitet und die Lernorte noch stärker verknüpft. Gleichzeitig wollten wir aber auch die Flexibilität in der Berufsbildung erhöhen und die Digitalisierung stärken. Das war sicherlich ein ambitioniertes Vorgehen.
Ich bin aber fest ĂĽberzeugt, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Wir haben mit der Revision eine Grundlage geschaffen, die es uns kĂĽnftig erlaubt, auf Entwicklungen viel flexibler zu reagieren. Dies nicht nur mit Blick auf die Handlungskompetenzen, sondern auch, wenn wir den Aufbau der Lernumgebung techLEARN oder die neuen Bildungsmedien betrachten.
Wichtig ist mir aber noch zu betonen: Eine Berufsrevision ist eine Teamleistung. Ganz viele Personen in der gesamten Tech-Industrie haben sich enorm engagiert, und ich möchte mich bei diesen ganz herzlich bedanken. Mit diesem Teamspirit möchten wir auch die kommenden Monate angehen. Nun gilt es, die zusätzlichen Möglichkeiten für den Nachwuchs zu nutzen und die Berufsbildung weiterzubringen.